Grau


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Was, wenn alles gut wäre, wäre es nicht grau? In dem Film Ödipussi wird ein Möbelverkäufer, gespielt von dem immerguten Loriot, von einer Psychologin (ebenso wundervoll Evelyn Hamann) darum gebeten, bei der Beratung des Ehepaares Melzer, Hilfe zu leisten. Das Dasein dieser Menschen soll, nach der Meinung der Psychologin, durch bunte Farben zum Besseren transformiert werden. Die beiden sitzen in ihrem Leben fest, grau eingerahmt von ihrem Interieur. Loriot, aka Ödipussi aka Paul Winkelmann, missversteht seine Aufgabe und beginnt aus einem Stoffsortiment ein schönes Betongrau und Steingrau, herauszusuchen. Das Ehepaar ist so begeistert, wie es ihre melancholische Disposition zulässt (gar nicht). Es will nicht bunt, es will: Aschgrau. Ein großer Scherz. Wie können die nur, sehen sie nicht, was sie sich antun, wie unglücklich sie sind? Worüber ich herzlich lache, sehe ich inzwischen überall. Als Realsatire.

Grau macht alles schlimmer

Ich saß in einem sehr trendigen Coworking Space. Mit durchaus relevanten Playern der Kulturindustrie. Ich sah mich um und bemerkte, alle tragen grau. Röcke, Hemden, Hosen, Schuhe. Selbst die Wände waren grau und nur vereinzelt akzentuiert durch das Kupfer der Lampen. Es war also dieser Moment, nicht ganz die Straße nach Damaskus, dass ich beschloss: Ich kaufe nichts mehr in dieser „Farbe“. Vielleicht, um nicht zu sein, wie alle anderen. Vielleicht um zu sehen, was sonst noch geht. Und erst mit der Zeit, in der Konfrontation mit einer grauen Welt, die an allen Ecken schlimmer wird, komme ich zu der Erkenntnis: Leute, was ist los mit euch? Hört doch endlich auf mit dieser lebensfeindlichen Farbe.

Who me?

Ich schreibe diese Zeilen natürlich auf einem MacBook in der Farbe grau. Nicht genau grau. Spacegrau. Eine Idee der Unendlichkeit in einem Gegenstand der Alltäglichkeit. Ich bewundere meine Zunft gelegentlich. Getrieben von einem nimmermüden Genius, das Mondäne zu radikalisieren. Wenigstens hat Apple in seinem iPhone Update ein paar andere Farben inkludiert. Puh?! Ein erstes Zeichen der Besserung?

Trotzdem: Warum ist die Gegenwart besessen von dieser unbunten Farbe?

Haben wir nichts von Momo gelernt? Die Grauenmänner waren eine Bedrohung. Sie lebten davon, Menschen die Zeit zu rauben, um sie in Zigarren zu rauchen. Es ist nicht weit, um die Kapitalismuskritik herauszulesen. Die Verknappung der einzig relevanten Commodity (Zeit) und damit der Vergrauung von allem. Selbst wer sich nicht beugen will, wird eingefangen. Oder wie der Publizist Mathias Greffrath es vorzüglich ausdrückte (ich paraphrasiere): „Es geht nicht darum, dass der Kapitalismus böse ist, sondern, dass er Menschen dazu zwingt, Dinge zu tun, die anderen Leuten schaden.“ It’s just Business, andere tun es auch, I’m not here to make friends. Are we having fun yet?

Bist du grau genug?

Wie konnte es passieren, dass die langweiligste aller Farben zur Go-to Color unserer Generation wurde? Wieso kleiden wir uns sprichwörtlich als Grauemäuse, verwandeln unsere Wohnungen in kühle Industriehallen, in denen jedes Lachen in der Ferne verhallt. Schwarz bedeutet wenigstens etwas. Weiß ist die Unschuld. Grau ist leer, abwaschbar und lebensfeindlich. Grau bedeutet: Ich kann keine Entscheidung treffen. Was sagt das über uns aus? Dass Gelb als radikal gedeutet wird? 1984, Snowpiercer, Gattaca. Die großen cineastischen Dystopien zeichnen sich durch ihr grau aus. Wie anders würde die Trostlosigkeit klar werden. Die kühle, menschenverachtende Einstellung der herrschenden Klasse gegenüber ihrer Subjekte, die nur noch eiskalte Moleküle sind. Sie driften reibungslos durch leeren Raum, bis es zur Explosion kommt. Gibt es eine Verbindung? Donald Trump, Brexit, zweistellige Ergebnisse der AfD, zurückzuführen auf die Wirkungsmacht einer Unfarbe? Natürlich nicht, es wäre silly. Es geht um abgehängte Menschen, wütend bis ins Herz, unglücklich in ihrem Stillstand, die auch auf das Angebot Farbe in ihr Leben zu bringen (Wir schaffen das), immer wieder grau wählen? Mausgrau, Steingrau, Spacegrau. Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass die neuen Car2Go Autos alle grau sind. Wer hat das denn entschieden? Und wie viel Geld verdient er?

Make it Regenbogen

Wir sind keine Unmenschen, weil wir Grau mögen. Es geht uns gut. Open your eyes. Wir sollten an den Erfinder der Regenbogenflagge Gilbert Baker denken. Das Pink in der Flagge steht für Sex, das Rot für das Leben oder das Gelb fürs Sonnenlicht. Ich weiß, dass es ein Symbol für den Aufbruch ist, den Widerstand, ein Zeichen der Befreiung, der Emanzipation und Freiheit. Es bedeutet für uns alle etwas, das wir teilen. Gerade in den letzten Jahren gibt es die Bewegung, noch mehr Farben hinzuzufügen, um noch besser abzubilden, wie die Welt sein soll, in der wir leben wollen. Welche Farbe fehlt? Grau.

In der Simpsons Episode „Team Homer“ werden die grauen Schuluniformen der Kinder vom Regen ausgewaschen, um eben diese Regenbogenfarben zu enthüllen. Die Gleichförmigkeit endet, die Gehorsamkeit mit ihr. Es gibt Anarchie und Trubel. Aber nicht wütend oder grausam, sondern viel mehr ekstatisch und gepaart mit der Erkenntnis der eigenen Kreativität.

Denk in Farben

Natürlich heißt all das nichts. Aber ich fordere auf: Beim nächsten Kauf einer Yogamatte, nimm nicht die graue. Das gilt für Hosen, Hemden, Kühlschränke und Bodenbelag. Das gilt auch für deine neue Website, dein neues Logo. Meine Texte können noch so kunterbunt sein, wenn sie grau eingerahmt sind. Wer weiß, auf was für Ideen du dann sonst noch kommst und wen du dann in dein Leben lässt. Als Freund, als Nachbar, als Chance auf ein anderes Leben, das besser ist als dies, in dem wir, grau in grau, auf den Abgrund zumarschieren und dabei vergessen, dass jede Farbe eine andere Art Freiheit ist.